Agrarpolitik ist Friedenspolitik

Mit Innovation und Leadership für Beschäftigung im ländlichen Raum. Gemeinsam ins Afrikanische Jahrhundert.

04.12.2018 | Berlin, Deutschland

2050 werden 2,5 Milliarden Menschen in Afrika leben, doppelt so viele wie heute – und alle wollen satt werden. Jährlich drängen rund 20 Millionen junge Afrikaner auf den Arbeitsmarkt, viele davon im ländlichen Raum. Gleichzeitig importiert Afrika jedes Jahr Lebensmittel im Wert von über 70 Milliarden Dollar – und exportiert damit genau jene Arbeitsplätze, die so dringend benötigt werden. Ein wachsender und produktiver Agrar- und Ernährungssektor ist wie keine andere Branche in der Lage, Einkommen und Beschäftigung zu schaffen und den Hunger zu bekämpfen. Eine breitenwirksame Wohlstandsentwicklung des afrikanischen Kontinents beginnt im ländlichen Raum.

Deutschland ist mit der Sonderinitiative EINEWELT ohne Hunger (SEWOH) und jährlich 1,5 Milliarden Euro weltweit größter bilateraler Geber im Bereich der ländlichen Entwicklung, wobei der Schwerpunkt in Afrika liegt. Dabei kooperiert das BMZ mit starken Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Einer dieser Partner ist die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA). Die von Kofi Annan initiierte und von afrikanischen Entscheidern gesteuerten Organisationen ist einer der Schlüsselakteure bei der Entwicklung der ländlichen Räume Afrikas. AGRA unterstützt afrikanische Regierungen dabei, den ländlichen Strukturwandel zu gestalten sowie gute Rahmenbedingungen für Wachstum und Beschäftigung zu schaffen. Das BMZ und AGRA verfolgen ein gemeinsames Ziel, wenn auch mit teilweise unterschiedlichen Ansätzen.

Das BMZ hat deshalb den Besuch des politisch und wissenschaftlich hochrangig besetzten AGRA-Boards in Berlin genutzt, um in unterschiedlichen Veranstaltungen wichtige Stakeholder wie NRO, Bauernverbände, Vertreter/innen europäischen Mitgliedsstaaten, Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie Politik beim Dialog mit Mitgliedern des AGRA-Boards zu unterstützen. Zum Abschluss dieses Prozesses kamen am 4. Dezember abends rund 200 Gäste im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unter dem Titel: „Gemeinsam ins Afrikanische Jahrhundert: Innovation und Leadership als Motor für Wachstum und Produktivität im ländlichen Raum“ zusammen. Die Umsetzung der Abendveranstaltung wurde vom Entwicklungspolitischen Forum der GIZ unterstützt.

„Agrarpolitik ist Friedenspolitik“ – mit diesen Worten eröffnete die parlamentarische Staatssekretärin, Dr. Maria Flachsbarth, die Abendveranstaltung im BMZ. Agrarpolitik habe nach dem Zweiten Weltkrieg im Zentrum des europäischen Einigungsprozesses gestanden. In den Nachkriegswintern lag die europäische Landwirtschaft am Boden und die Bevölkerung musste schmerzlich erfahren, was Hunger bedeutet. Fortschritte in der Landwirtschaft seien nicht nur für die Produktivität, sondern auch für den heutigen Wohlstand und Frieden in Europa zentral gewesen, so Flachsbarth. Afrika stehe nun vor einer ähnlichen Herausforderung. Es sei ein ländlicher Strukturwandel politisch so zu gestalten, dass erhöhte Produktivität und sozialer Ausgleich in Einklang stünden. Innovation und eine modernere, bäuerlich-organisierte Landwirtschaft seien dazu der Schlüssel.

Der Vorsitzende des AGRA-Boards, Strive Masiyiwa, eröffnete seinen Vortrag, indem er von einer gemeinsamen Reise mit Kofi Annan berichtete, die beide in den ländlichen Norden Malis führte Kofi Annan habe bereits damals vor den Folgen der fehlenden Beschäftigungsperspektiven im ländlichen Raum gewarnt: Viele der beschäftigungslosen jungen Männer in den Dörfern Malis würden die Sahara durchqueren, um nach Europa zu gelangen oder sich Extremisten anschließen. Sechs Monate später sei die Region überrannt worden und das besuchte Gebiet heute unerreichbar.

Malische Bäuerinnen berichteten schon damals von klimatischen Veränderungen und fragten nach robusterem Saatgut. Kofi Annan habe die Lösung in einer Afrikanischen Grünen Revolution gesehen, so Masiyiwa. Diese müsse bei den Kleinbauern anfangen, um die Probleme des Kontinents nachhaltig zu lösen. Seitdem seien viele gute Ansätze in der Landwirtschaft erfolgreich umgesetzt worden. Nun ginge es darum, den begonnenen Prozess zu beschleunigen und Perspektiven für Millionen junge Afrikaner zu schaffen.

Bei der darauffolgenden Podiumsdiskussion mit Dr. Maria Flachsbarth, Elizabeth Nsimadala, Präsidentin der East African Farmers Federation, Dr. Agnes Kalibata, Präsidentin von AGRA sowie dem Vorsitzenden des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, Dr. Stefan Liebing, standen Fragen des „Wie“ der Grünen Revolution im Fokus, von verbessertem Saatgut bis zur effizienteren Organisation der Bauern. Zudem wurde diskutiert, was getan werden kann, damit mehr deutsche, vor allem mittelständische Unternehmen langfristig und nachhaltig in den ländlichen Räumen Afrikas investieren. Für eine erfolgreiche Kooperation müsse eine Schnittmenge gefunden werden zwischen dem, was von afrikanischen Partnern nachgefragt und dem, was von deutschen Firmen angeboten werden könne, so Dr. Liebing. Hinzu kämen stabile politische Rahmenbedingungen und Rechtssicherheit. Dr. Agnes Kalibata merkte an, um nachhaltig gute Ergebnisse zu erzielen, müsse AGRA die Diversität zwischen unterschiedlichen Ländern, Dörfern und Betrieben berücksichtigen. Dr. Nsimadala hob hervor, dass es bereits jetzt viele gute Initiativen, Ansätze und Technologien gebe. Wichtig sei jedoch, bäuerliche Tätigkeit als unternehmerisches Handeln zu begreifen und die gewählten Ansätze durch ständige Innovationen zu optimieren. Auch Dr. Flachsbarth sah zahlreiche gute Ansätze, unterstrich aber gleichzeitig, das noch mehr geschehen müsse: Vorrangig sei es, mehr Wertschöpfung nach Afrika zu verlagern.

Doch das Wichtigste ist, dass junge, gut ausgebildete Menschen in den ländlichen Räumen Afrika bleiben und dort etwas aufbauen. Dieser Aspekt stand am Vortag bereits im Mittelpunkt des Vortrags von Strive Masiyiwa vor 150 überwiegend afrikanischen Studenten an der Humboldt Universität in Berlin. Viele waren aus ganz Deutschland angereist. „Ich wünsche mir, dass ihr gut ausgebildeten zukünftigen Führungskräfte nach Afrika zurückkehrt und dort Verantwortung übernehmt“, so Masiyiwa. Das er gehört wird, belegen 3,5 Millionen Aufrufe der Aufzeichnung der Vorlesung auf Facebook in nur einer Woche.

Bild oben: GIZ/ SAUTI EAST AFRICA Ltd.

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